Antifaschisten sehen Verantwortung für starke Naziszene bei der Polizei
Von Polizei und Justiz nahezu ubehelligt, verfügt die rechte Szene in Dortmund über eine überdurchschnittliche Mobilisierungskraft. Obwohl es seit Jahren zu Übergriffen auf Andersdenkende kommt und allein in den letzten zehn Jahren vier Menschen – darunter drei Polizisten – von Neonazis ermordet wurden, verharmlost die Polizei das Problem auch weiterhin.
Am 19. Januar 2010 durchsuchte die Polizei in Dresden und Berlin zwei Objekte und beschlagnahmte Plakate und Flugblätter des Bündnisses „Nazifrei! Dresden stellt sich quer!“. Der Vorwurf laute, geplante Blockaden gegen einen Naziaufmarsch am 13. Februar 2010 in Dresden seien ein Aufruf zu Straftaten. Mehrere Prominente, darunter Konstatin Wecker – Politiker von SPD, Grünen; Linkspartei und die Antifaschistische Linke (ALB) rufen nun zu einer bundesweiten Plakatierung der kriminalisierten „Dresden Nazifrei“-Plakate am Donnerstag, 28.01.2010, 16 Uhr auf. Auch wir unterstützen diese Protestform und rufen Euch dazu auf, Euch Plakate zu bestellen und damit das Dortmunder Stadtbild zu verschönern. (mehr…)
Das Bündnis Dortmund stellt sich quer! verurteilt die Razzien gegen das Berliner Antifa-Ladenlokal Red Stuff und die sächsische Landesgeschäftsstelle der Linkspartei, die am Dienstag von Beamten des Landeskriminalamtes in Berlin und Dresden durchgeführt wurden, aufs Schärfste. In Berlin wurden sämtliche Mobilisierungsmaterialien beschlagnahmt, die zu den Protesten gegen den größten europäischen Naziaufmarsch aufrufen. Begründet wird dies im Durchsuchungsbeschluss damit, dass das Aufrufen zu zivilem Ungehorsam und Blockaden ein öffentlicher Aufruf zu Straftaten sei.
Das bundesweite Bündnis Dresden Nazifrei!, das zu den Blockaden aufruft, wird von über 300 Organisationen und Gruppen darunter Dortmund stellt sich quer! sowie über 1100 Einzelpersonen unterstützt. Es ist für uns unerträglich, dass sich Polizei und Justiz de facto zum Handlanger der Nazis machen und gegen Antifaschisten vorgehen. Wir werden nun erst recht nach Dresden mobilisieren, um den Nazis am 13. Februar eine empfindliche Niederlage zu bereiten! No Pasaran!
Bündnis Dortmund stellt sich quer!
Wir dokumentieren an dieser Stelle ein Grußwort von Heinrich Fink, dem Vorsitzenden der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes Bund der Antifaschisten, dass bei einer Solidaritätsdemonstration von mehreren hundert Antigfaschisten am Dienstag in Berlin verlesen wurde:
Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten, liebe Anwesende,
ich bin zutiefst empört über die Razzien der Polizei, die heute in Dresden und Berlin durchgeführt wurden. Den Betroffenen gehört meine volle Solidarität!
Es ist unerträglich, dass die deutsche Polizei ausgerechnet gegen diejenigen vorgeht, die zu Protesten gegen den größten Naziaufmarsch der Bundesrepublik am 13. Februar in Dresden aufrufen. Auch ich unterstütze die geplanten Proteste. Genauso wie viele alte Antifaschistinnen und Antifaschisten, die sich in Dresden übrigens komme was wolle an den Massenblockaden beteiligen werden.
Die Verantwortlichen für die Razzien samt ihrer Polizei sollten vor Scham im Boden versinken. Sie haben heute ein Bündnis von Nazigegnern kriminalisiert, dass von Autonomen Antifas über Gerwerkschaften bis hin zur SPD reicht. Lasst mich deutlich sagen: Die Nazis werden wissen, was sie an ihrer Polizei haben.
Sie sollten sich jedoch gewiss sein: Aller Repression und allen Kriminalisierungsversuchen seitens Justiz, Polizei und Politik zum Trotz, werden wir überall dort auf der Straße stehen und sitzen, wo Neofaschisten aufmarschieren wollen. Die Blockade von Naziaufmärschen ist nicht nur unser Recht, sondern unsere Pflicht!
Setzen wir unsere so dringend notwendige antifaschistische Arbeit in diesem Sinne fort!
No Pasaran! Sie werden nicht durchkommen!
Wir beglückwünschen das Bündnis Dortmund gegen Rechts, dass in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert. Das Bündnis lädt am 29. Januar unter dem Motto „per la vita“ zu einem Konzert mit Esther Bejarano, ihren Kindern Edna und Joram und den Rappern von „Mikrophone Mafia“ ins Dortmunder Wichernhaus ein.
„per la vita“, für das Leben, gegen Krieg und alte und neue Nazis engagiert sich Esther Bejarano seit sie die Hölle von Auschwitz durchlitten hat. Nach einer glücklichen Kindheit erfuhr sie, was es heißt, Jüdin im faschistischen Deutschland zu sein: Mit 18 Jahren wurde sie nach Auschwitz deportiert, fast ihre gesamte Familie wurde von den Nazis ermordet.
Esther Bejaranos große Musikalität rettete ihr das Leben. Sie wurde in das „Mädchenorchester Auschwitz“ aufgenommen, das die ankommenden Transporte musikalisch in Empfang nehmen musste, um so die Deportierten in Sicherheit zu wiegen. So schrecklich und zynisch diese Aufgabe war, befreite sie Esther von Schwerstarbeit, die den sicheren Tod bedeutet hätte.
Nach der Befreiung 1945 ging sie nach Palästina, 1960 kam sie in die Bundesrepublik Deutschland und lebt seither in Hamburg.
Die ausgebildete Sängerin, die vor kurzem ihren 85. Geburtstag feiern konnte, steht bis heute auf der Bühne, tritt aber auch als engagierte Rednerin gegen Rassismus und Antisemitismus auf.
Die Hamburger Ehrenbürgerin und Vorsitzende des Auschwitz-Komitees wurde sowohl mit der Carl v. Ossietzky Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte und dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet.
Das Zusammenspiel der Bejaranos mit den Rappern von „Microphone Mafia“, die als Jugendliche mit „Migrationshintergrund“ in einem Kölner Arbeiterstadtteil aufwuchsen und früh mit Rassismus und Ausländerfeindlichkeit konfrontiert wurden, ist ein ungewöhnliches, musikalisches Projekt: Tradition trifft auf Moderne, jiddische Lieder auf harten Rapp, die Jüdin auf den Moslem.
In den Texten widerspiegeln sich Erfahrungen aus Vergangenheit und Gegenwart und machen nachdenklich und betroffen. Unüberhörbar aber ist der Optimismus, das Ja zum Leben, das die Musiker eint.
Das Bündnis Dortmund gegen Rechts versteht das Konzert als seinen Beitrag zum Gedenken an den 27. Januar, an dem Auschwitz 1945 von der Roten Armee befreit wurde. Und es erinnert ebenfalls an den 30. Januar 1933, der mit der Machtübertragung an Hitler Auschwitz erst möglich machte. Auch wir werden gemeinsam mit dem Bündnis gegen rechts feiern!
Dortmund stellt sich quer!
„per la vita“, am 29. 1. 2010 im Wichernhaus, Stollenstraße 36, Einlass: 19 Uhr, Eintritt frei, um Spenden für die Arbeit des Bündnisses wird gebeten.
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