Antifa-Demo am 29.3.2014 in Dortmund

Erinnern heißt kämpfen – Demonstration gegen rechte Gewalt
Anlässlich der Jahrestage der Morde an Thomas “Schmuddel” Schulz und Mehmet Kubaşık findet am Samstag, den 29. März 2014, in Dortmund eine Demonstration gegen rechte Gewalt statt. Los geht’s um 14 Uhr am Hauptbahnhof. Ziel der Demo ist der Stadtteil Dorstfeld, in dem viele Führungsfiguren der Dortmunder Naziszene wohnen.

• Gedenken an Thomas Schulz: Fr. 28.3., U-Kampstraße, 18:30 Uhr
• Antifa-Demo in Dortmund: Sa. 29.3.2014, Hauptbahnhof, 14 Uhr

Neben dem Aufruf gibt es nun auch ein Mobivideo für die Demonstration am 29.3.. Alle Infos zur Demo unter dortmund.blogsport.de

Er­in­nern heißt Kämp­fen!

Auf­ruf zur an­ti­fa­schis­ti­schen De­mons­tra­ti­on am 29.​03.​2014 in Dort­mund

In die­sem Jahr jährt sich der Mord an Tho­mas Schulz durch den Neo­na­zi Sven Kah­lin zum neun­ten Mal. Wir neh­men dies zum An­lass, auch die­ses Mal wie­der gegen rech­te Ge­walt zu de­mons­trie­ren und un­se­re So­li­da­ri­tät mit den Op­fern jener Ge­walt zum Aus­druck zu brin­gen. Dabei wol­len wir uns je­doch nicht nur auf das Ge­den­ken an Tho­mas Schulz und den in Dort­mund vom »Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Un­ter­gund« (NSU) er­mor­de­ten Meh­met Kubaşık be­schrän­ken, son­dern auch gegen die Ver­hält­nis­se, die diese Ge­walt erst er­mög­li­chen, de­mons­trie­ren. Eben­so ist es unser An­lie­gen, auf die immer noch be­ste­hen­den Na­zi­struk­tu­ren in Dort­mund hin­zu­wei­sen, wel­che sich nach dem Ver­bot des »Na­tio­na­len Wi­der­stands Dort­mund« als Par­tei or­ga­ni­siert haben. Es hat sich dabei ge­zeigt, dass Ver­bo­te viel nicht hel­fen, um Nazis zu be­kämp­fen.

Zur ak­tu­el­len Ent­wick­lung der Dort­mun­der Neo­na­zi­sze­ne
In den ver­gan­ge­nen Jah­ren gab es ei­ni­ge Um­brü­che und neue Ent­wick­lun­gen in der Dort­mun­der Neo­na­zi­sze­ne. Nach dem Ver­bot des »Na­tio­na­len Wi­der­stands Dort­mund« (NWDO) durch das NRW-​In­nen­mi­nis­te­ri­um im Au­gust 2012, folg­te wenig spä­ter die Re­or­ga­ni­sa­ti­on der hie­si­gen Szene in der Par­tei »Die Rech­te«. Jene Par­tei kann zu­min­dest be­zo­gen auf die nord­rhein-​west­fä­li­sche Lan­des­glie­de­rung als Auf­fang­be­cken für die Mit­glie­der der drei ver­bo­te­nen Ka­me­rad­schaf­ten in Aa­chen, Dort­mund und Hamm an­ge­se­hen wer­den. In Dort­mund grün­de­ten die Neo­na­zis rund zwei Mo­na­te nach dem Ver­bot und den zahl­rei­chen Raz­zi­en den ört­li­chen Kreis­ver­band der Par­tei und wähl­ten Sieg­fried »SS-​Sig­gi« Bor­chardt zum Kreis­vor­sit­zen­den. Kurz dar­auf gaben sie über ihr in­of­fi­zi­el­les Spra­ch­or­gan »Dort­mun­dE­cho« öf­fent­lich be­kannt, in Dort­mund-​Hu­ckar­de die Lan­des-​ und Kreis­ge­schäfts­stel­le er­öff­nen zu wol­len. Nach an­fäng­lich am­bi­tio­nier­ten Re­no­vie­rungs­ar­bei­ten muss­ten diese je­doch bald ein­ge­stellt wer­den, als her­aus­kam, dass die of­fen­bar mit wenig Sta­tik-​Kennt­nis­sen aus­ge­stat­te­ten Neo­na­zis eine tra­gen­de Wand her­aus­ge­hau­en hat­ten. Das Bau­amt un­ter­sag­te dar­auf­hin jeg­li­chen Zu­tritt zu dem La­den­lo­kal. Den Par­tei­ak­ti­vi­tä­ten hat das al­ler­dings kei­nen Ab­bruch getan. Seit­her sind die Neo­na­zis re­la­tiv aktiv: Sie sind in­ten­siv be­müht, sich an dem de­mo­kra­ti­schen Wil­lens­bil­dungs­pro­zess der Be­völ­ke­rung zu be­tei­li­gen. Ihr Fokus liegt dabei vor allem auf der Teil­nah­me an Wah­len – mit mä­ßi­gem Er­folg. Bei der Bun­des­tags­wahl im ver­gan­ge­nen Jahr konn­te die Par­tei stadt­weit ge­ra­de ein­mal 178 Stim­men auf sich ver­ei­nen. Die Dort­mun­der NPD konn­te im­mer­hin 3.​788 Wäh­le­rIn­nen zum Gang zur Wahl­ur­ne mo­bi­li­sie­ren. Der­zeit steckt die Par­tei mit­ten im Wahl­kampf für die an­ste­hen­de Kom­mu­nal­wahl am 25. Mai in Dort­mund. Über­wie­gend mit ehe­ma­li­gen Füh­rungs­ka­dern an der Spit­ze, hat die Par­tei fünf Kan­di­da­ten auf­ge­stellt und hofft zu­min­dest mit »SS-​Sig­gi« als Spit­zen­funk­tio­när in den Stadt­rat ein­zu­zie­hen. Tak­tik und Au­then­ti­zi­tät gehen daher bei der Par­tei »Die Rech­te« Hand in Hand: Ei­ner­seits müs­sen sie, um ihr Par­tei­en­pri­vi­leg nicht zu ge­fähr­den, aus tak­ti­schen Über­le­gun­gen her­aus sug­ge­rie­ren, eine ernst­haf­te (und ernst­zu­neh­men­de) Par­tei zu sein. An­de­rer­seits haben sie so trotz Ver­bot des NWDO die Mög­lich­keit, ihre neo­na­zis­ti­sche Pro­pa­gan­da in Form von Info-​Stän­den, Kund­ge­bun­gen und Auf­mär­schen zu ver­brei­ten. Dabei tes­ten sie immer wie­der aus, wie weit sie gehen kön­nen und wo ihnen von Sei­ten des Staa­tes die Gren­zen auf­ge­zeigt wer­den. Bei­spiel­haft sind hier das als Par­tei-​Ver­an­stal­tung ge­tarn­te Rechts­Rock-​Kon­zert am 6. Juli 2013 in Herne und der Auf­marsch zum Welt­frie­dens­tag am 1. Sep­tem­ber 2013 zu nen­nen. Eben­so ist wei­ter­hin eine po­si­ti­ve Be­zug­nah­me auf den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus er­kenn­bar. Auf einer De­mons­tra­ti­on der Par­tei am 31. Au­gust 2013 war auf dem Fron­trans­pa­rent »25 Punk­te gegen eure Ver­bo­te« zu lesen. Damit ist das zum einen das ei­ge­ne Par­tei­pro­gramm zur Kom­mu­nal­wahl ge­meint, zu­gleich nann­te auch die NSDAP ihr Par­tei­pro­gramm »25 Punk­te-​Pro­gramm«. Es ist also of­fen­sicht­lich, in wel­cher Tra­di­ti­on sich »Die Rech­te« wähnt.

Rech­te Ge­walt in Dort­mund
In Dort­mund konn­ten sich Neo­na­zis jah­re­lang in ein ge­mach­tes Nest set­zen und sich so eine star­ke rech­te Szene auf­bau­en. Rech­te Über­grif­fe waren keine Sel­ten­heit, eben­so fan­den zahl­rei­che Auf­mär­sche statt. Die Stadt Dort­mund wurde über­re­gio­nal als Na­zi­hoch­burg be­kannt, ganz im Sinne der neo­na­zis­ti­schen Om­ni­po­tenz­fan­ta­si­en. Der Stadt, die außer einem Fuß­ball­ver­ein nach außen hin nicht son­der­lich viel zu bie­ten hat, war diese me­dia­le Auf­merk­sam­keit und der damit ver­bun­de­ne Ima­ge­scha­den ver­mut­lich ir­gend­wann zu viel. Das stän­di­ge Igno­rie­ren eines Na­zi­pro­blems konn­te nicht mehr auf­recht­er­hal­ten wer­den. In der Auf­re­gung um die Selbst­ent­tar­nung des NSU, in der sich fast ganz Deutsch­land, in einem über­rasch­ten Mo­ral-​An­ti­fa­schis­mus wie­der­fand, wurde dann das Ver­bot aus­ge­spro­chen. Die Neo­na­zi­sze­ne zeig­te sich kurz da­nach ge­schockt, die Ver­ant­wort­li­chen konn­ten sich fei­ern las­sen und Ober­bür­ger­meis­ter Ul­rich Sier­au emp­fahl im Freu­den­tau­mel Dort­mun­der An­ti­fa­schis­tIn­nen gleich noch den Aus­stieg aus der lin­ken Szene. Dass diese sich jah­re­lang als eine der We­ni­gen dem Kampf gegen die Dort­mun­der Neo­na­zis al­lei­ne ge­wid­met hat­ten, wurde dabei groß­zü­gig unter den Tep­pich ge­kehrt. Doch das Ver­bot zeig­te be­kann­ter­wei­se nicht lange Wir­kung – auch wenn sich das Auf­tre­ten der Neo­na­zis ver­än­dert hat. Die Dort­mun­der Neo­na­zis haben mitt­ler­wei­le ihren sub­kul­tu­rell an­ge­hauch­ten Ha­bi­tus der »Au­to­no­men Na­tio­na­lis­ten« auf­ge­ge­ben und wid­men sich voll und ganz ihrer Par­tei­ar­beit. Statt pein­li­chen »Ak­ti­ons­vi­de­os« ver­an­stal­ten sie nun Info-​Stän­de und Flug­blatt­ver­tei­lun­gen. Die­ser Um­stand ist zwar nicht viel bes­ser, den­noch lässt sich fest­stel­len, dass sich rech­te Ge­walt in Dort­mund re­du­ziert hat. Das be­deu­tet je­doch nicht, das diese nicht mehr exis­tie­ren würde, sie hat sich viel mehr ver­la­gert. So kam es in Dort­mund immer wie­der zu rech­ten Über­grif­fen und Ein­schüch­te­rung im Kon­text von Fuß­ball­spie­len. Hier las­sen sich rechts­af­fi­ne, je­doch po­li­tisch un­or­ga­ni­sier­te Fuß­ball­fans als Tä­te­rIn­nen fest­ma­chen. Dort­mun­der Neo­na­zis konn­ten auch bei einem Heim­spiel des »MSV Du­is­burg« bei einem An­griff von rech­ten Hoo­li­gans auf an­ti­fa­schis­ti­sche Ul­tras be­ob­ach­tet wer­den. Die­ser Zu­stand scheint der Dort­mun­der Zi­vil­ge­sell­schaft und der Stadt zu ge­nü­gen. Rech­te »In­ten­siv­tä­ter« wie Sven Kah­lin wer­den ju­ris­tisch still­ge­legt und in Dorst­feld wur­den über eine län­ge­re Zeit eine hohe An­zahl von po­li­zei­li­chen Maß­nah­men vor­ge­nom­men. Dies schien die Neo­na­zis zwar zu be­ein­träch­ti­gen, hielt sie aber na­tür­lich nicht davon ab, wei­ter als Nazis auf­zu­tre­ten. So lässt sich kon­sta­tie­ren, dass das Ver­bot die Na­zi­struk­tu­ren in Dort­mund mög­li­cher­wei­se eher ge­stärkt als ge­schwächt hat. Denn ob­wohl das Ver­bot zu­nächst tat­säch­lich ein har­ter Schlag für die hie­si­ge Szene war, ge­stal­ten sich mög­li­che neue Ver­su­che staat­li­cher Re­pres­sio­nen auf­grund der mit dem Par­tei­en­sta­tus ver­bun­den Pri­vi­le­gi­en schwie­rig. Für die Dort­mun­der Neo­na­zis stellt dies na­tür­lich aus ei­ge­ner Sicht einen Er­folg dar, sie kön­nen sich so als immun ge­gen­über po­li­zei­li­chen und staat­li­chen Maß­nah­men sti­li­sie­ren.

Neo­na­zi­tä­te­rIn­nen vor Ge­richt
Der auf­grund des Mor­des an Tho­mas Schulz zu sie­ben­ein­halb Jah­ren Haft ver­ur­teil­te Sven Kah­lin sitzt zur­zeit mit acht wei­te­ren be­kann­ten Dort­mun­der Neo­na­zis unter an­de­rem wegen schwe­rem Land­frie­dens­bruch vor dem Dort­mun­der Land­ge­richt auf der An­kla­ge­bank. Den zwei Frau­en und sie­ben Män­nern aus dem Kreis der »Skin­head-​Front Dort­mund-​Dorst­feld« wird vor­ge­wor­fen, im De­zember 2010 die Knei­pe »Hirsch-​Q« in der Dort­mun­der In­nen­stadt an­ge­grif­fen und dabei min­des­tens eine Per­son schwer ver­letzt zu haben. Auch wäh­rend des Pro­zes­ses, bei dem sich kei­ner der An­ge­klag­ten bis­her ein­ge­las­sen hat, ma­chen sie kei­nen Hehl aus ihrer na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie. Sie er­schei­nen mit Klei­dung ein­schlä­gi­ger Mar­ken wie »Thor Stei­nar« oder mit »Whi­te-​Power«-​T-​Shirts vor Ge­richt. Wäh­rend der Aus­sa­gen der Opfer und Zeu­gen­In­nen schnei­den sie Gri­mas­sen, ma­chen Witze oder schi­cken sich per Handy ge­gen­sei­tig Nach­rich­ten. Un­ter­stützt wer­den sie von dem re­gel­mä­ßig an­we­sen­den Micha­el Brück, sei­nes Zei­chen Kan­di­dat für »Die Rech­te« bei der Kom­mu­nal­wahl. Wegen Über­las­tung des Ge­richts wurde der Pro­zess al­ler­dings erst zwei­ein­halb Jahre nach Tat­ge­sche­hen im Som­mer 2013 er­öff­net und wird sich vor­aus­sicht­lich noch bis in den Som­mer 2014 zie­hen. Al­ler­dings kann noch nicht damit ge­rech­net wer­den, dass diese Tat durch die Jus­tiz auch als po­li­tisch mo­ti­viert ge­wer­tet wird. In der Ver­gan­gen­heit ist dies bei Über­grif­fen durch Nazis nur sehr sel­ten ge­sche­hen. Bei Sven Kah­lin, der im No­vem­ber 2011 einen tür­ki­schen Ju­gend­li­chen auf dem Dort­mun­der Weih­nachts­markt bru­tal zu­sam­men­schlug und den ihn fest­hal­ten­den Se­cu­ri­ty-​Mit­ar­bei­ter an­ti­se­mi­tisch be­lei­dig­te, konn­te da­mals durch das Ge­richt kein po­li­ti­scher Be­weg­grund fest­ge­stellt wer­den. Viel­mehr wurde als Mo­ti­va­ti­on Kah­lins Ag­gres­si­ons­po­ten­zi­al vor­ge­scho­ben, wel­ches er zwar zwei­fel­haft be­sitzt, den po­li­ti­schen Cha­rak­ter die­ser Tat aber ne­giert. Die Taten von Neo­na­zis wer­den so schluss­end­lich ent­po­li­ti­siert und ver­harm­lost.

»Der Name auf einem Krie­ger­denk­mal ist der Traum ihrer Pu­ber­tät«
Seit 1990 hat rech­te Ge­walt min­des­tens 184 To­des­op­fer ge­for­dert und un­zäh­li­ge Men­schen ver­letzt. Es ist dabei gleich­gül­tig, ob die Tä­te­rIn­nen stram­me Neo­na­zis oder an­po­li­ti­sier­te Ju­gend­li­che sind, die Ideo­lo­gie, die den Mor­den und un­zäh­li­gen Über­grif­fen zu Grun­de liegt, ist im Kern die­sel­be und in letz­ter Kon­se­quenz auf eine ge­walt­tä­ti­ge Pra­xis aus­ge­legt. Neo­na­zis wäh­nen sich in einem stän­di­gem Kampf, sei es gegen »Über­frem­dung«, gegen den »US-​Ka­pi­ta­lis­mus« oder einen ver­meint­li­chen »Schuld­kult«. Sie ver­ste­hen den Cha­rak­ter der ka­pi­ta­lis­ti­schen Ge­sell­schaft nicht und seh­nen sich nach ein­fa­chen Er­klä­rungs­mus­tern. Die Grund­pfei­ler neo­na­zis­ti­schen Den­kens waren und blei­ben ein völ­kisch de­fi­nier­ter Na­tio­na­lis­mus, Ras­sis­mus, einem auf ver­kürz­ter Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik ba­sie­ren­der An­ti­se­mi­tis­mus und damit ver­bun­de­ner An­ti­zio­nis­mus, sowie ein po­si­ti­ver Bezug auf den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Dies alles fin­det sich mal mehr oder we­ni­ger frag­men­ta­risch auch in an­de­ren Tei­len der Ge­sell­schaft wie­der. Bei Neo­na­zis kommt zu­sätz­lich noch der Wille zum Kampf hinzu, ein Be­dürf­nis nach der De­mons­tra­ti­on ei­ge­ner Stär­ke sowie die Be­reit­schaft, sich sel­ber für ein über­ge­ord­ne­tes Ziel, in dem Fall das Kon­zept der »Volks­ge­mein­schaft«, auf­zu­op­fern. Hier­bei wer­den al­ler­dings auch We­sens­zü­ge ge­sell­schaft­li­cher Ge­walt­ver­hält­nis­se nach­ge­zeich­net. Im Ka­pi­ta­lis­mus herrscht eine stän­di­ge Kon­kur­renz im Ver­wer­tungs­pro­zess. Die Er­nied­ri­gung des In­di­vi­du­ums, wel­ches per Über­flüs­sig­keit aus die­sem Ver­wer­tungs­pro­zess aus­schei­det, er­öff­net im Zwei­fel die Op­ti­on zur au­to­ri­tä­ren Iden­ti­fi­ka­ti­on mit Staat und Na­ti­on, um der Ver­ein­zelung zu ent­flie­hen. Dies drückt sich dann zudem in dem Wunsch nach »Ord­nung« sowie einem mar­tia­li­schen und ge­walt­tä­ti­gen Auf­tre­ten aus. Die sub­jek­tiv wahr­ge­nom­me­ne Po­si­ti­on des »Op­fers« mün­det darin, diese auf an­de­re zu re­pro­du­zie­ren, ver­mischt mit ras­sis­ti­schen und an­ti­se­mi­ti­schen Pro­jek­tio­nen. Durch den Akt der Ge­walt wird der Pro­zess des Aus­schlus­ses des an­de­ren ma­ni­fes­tiert und eine »über­le­ge­ne« und als »deutsch« emp­fun­de­ne Iden­ti­tät ge­schaf­fen. Be­trof­fe­ne von rech­ter Ge­walt wer­den von den Tä­te­rIn­nen somit ent­in­di­vi­dua­li­siert und zu Ob­jek­ten der ei­ge­nen Ideo­lo­gi­en und un­ter­drück­ten Be­dürf­nis­sen ge­macht. Damit soll nicht be­haup­tet wer­den, dass Nazis aus­schließ­lich ein Pro­dukt einer ka­pi­ta­lis­tisch or­ga­ni­sier­ten Ge­sell­schaft seien. Schließ­lich ist es eine freie Ent­schei­dung, sich als Nazi zu de­fi­nie­ren, doch der Ge­walt liegt die Zu­rich­tung durch die Zu­mu­tun­gen des Ka­pi­ta­lis­mus zu Grun­de. Diese be­schrie­be­ne Ideo­lo­gie lässt sich auch teil­wei­se auf die bür­ger­li­che Mitte über­tra­gen. Ras­sis­mus und An­ti­se­mi­tis­mus sind hier zwar eben­so zu fin­den, der Schritt zur Ge­walt wird je­doch – so­zia­li­sa­ti­ons­be­dingt – nicht voll­zo­gen. Nazis fun­gie­ren dabei dann in der Rolle der Voll­stre­cke­rIn­nen. Rech­te Ideo­lo­gie hat daher dort Er­folg, wo sie mehr ver­spricht, als die rea­len Le­bensum­stän­de hal­ten.

Dorst­feld ist immer einen Be­such wert!
Der im Wes­ten Dort­munds ge­le­ge­ne un­an­sehn­li­che Stadt­teil Dorst­feld ist nach wie vor Wohn­sitz et­li­cher Neo­na­zis. Auch wenn hier nach dem Ver­bot den Neo­na­zis sei­tens der Stadt und der Po­li­zei auf die Füße ge­tre­ten wurde und sie durch stän­di­ge Kon­trol­len ge­nervt wur­den, auf­ge­ge­ben haben sie nicht. Wenn sich ei­ni­ge Na­zi­ka­der mitt­ler­wei­le als Par­tei­funk­tio­nä­re mit Namen und Ge­sicht der Öf­fent­lich­keit prä­sen­tie­ren und sich um ein se­riö­ses Auf­tre­ten be­mü­hen, ist ihre Ideo­lo­gie wei­ter­hin ras­sis­tisch und an­ti­se­mi­tisch. Durch das Ver­bot des NWDO hat sich bis auf das Label daher nur wenig ge­än­dert. Es fin­den Auf­mär­sche wie am 1. Mai statt, re­gel­mä­ßig Tref­fen, Web­siten wur­den um­be­nannt und wei­ter be­trie­ben. Bes­tes Bei­spiel hier­für ist der mit dem NWDO ver­bo­te­ne On­line­shop »Re­sis­to­re«, wel­cher nun unter dem Namen »antisem.​it« wei­ter­ge­führt wird. Wir wer­den daher nach Dorst­feld gehen, um den Neo­na­zis, die sich als Par­tei­mit­glie­der jetzt so si­cher füh­len, zu stö­ren und sie als Tä­te­rIn­nen von Über­grif­fen und Trä­ge­rIn­nen neo­na­zis­ti­scher Ideo­lo­gie zu be­nen­nen. Es hat sich ge­zeigt, dass staat­li­che Ver­bo­te kei­nes­wegs ein an­ge­mes­se­nes Mit­tel zur Be­kämp­fung von Neo­na­zis und ihren Ideo­lo­gi­en sind, auch wenn die Ver­tei­di­gung gegen neo­na­zis­ti­sche »Ver­fas­sungs­geg­ne­rIn­nen« und die Auf­recht­er­hal­tung des Ge­walt­mo­no­pols Be­din­gung und In­ter­es­se des bür­ger­li­chen Staats sind. Auch wenn dies im Zwei­fel ein be­que­mer Weg sein kann, ist deut­lich ge­wor­den, dass es falsch wäre, sich hier­auf zu ver­las­sen. Eben­so ist fest­zu­stel­len, dass »Die Rech­te« sich in der Selbst­wahr­neh­mung ver­mut­lich schon in allen Par­la­men­ten sieht, ge­sell­schaft­lich je­doch keine re­le­van­te Kraft dar­stellt. Uns ist daran ge­le­gen, die­sen Zu­stand auf­recht zu er­hal­ten, auch wenn es uns herz­lich wenig darum geht, die Ge­sell­schaft vor ihren schlimms­ten Aus­wüch­sen, also den be­ken­nen­den Na­tio­nal­so­zia­lis­tIn­nen, zu schüt­zen. Eine Maß­nah­me hier­für wäre zum einen das kon­se­quen­te Zu­rück­drän­gen von Neo­na­zis. Das be­deu­tet für uns, Na­zi­struk­tu­ren auf­zu­de­cken und zu be­kämp­fen. Dies darf sich al­ler­dings nicht le­dig­lich in einer re­flex­haf­ten Fi­xie­rung auf Na­zi­ak­tio­nen er­schöp­fen, son­dern muss auch eine Ana­ly­se der Ent­ste­hung fa­schis­ti­scher Po­ten­zia­le leis­ten kön­nen. Da es ohne Neo­na­zis zwar an­ge­neh­mer, aber auch nicht bes­ser wäre, ist es eben­so wich­tig, Kri­tik an Events und Mo­bi­li­sie­run­gen zu üben, in denen das post­na­zis­ti­sche Deutsch­land zu sich kommt und an­ti­se­mi­ti­sche und ras­sis­ti­sche Ideo­lo­gie dort zu be­kämp­fen, wo sie auf­tritt. Neo­na­zis­ti­sche Ge­walt lässt sich nicht stop­pen, wenn auch nicht jene Ver­hält­nis­se ab­ge­schafft wer­den, in der der (ge­walt­tä­ti­ge) Aus­schluss von In­di­vi­du­en auf­grund von Pro­jek­tio­nen und Res­sen­ti­ments immer wie­der Kon­junk­tur er­fährt.

Für ein Ende der Ge­walt!
Gegen Na­zi­struk­tu­ren und Dort­mun­der Zu­stän­de!

Antifaschistische Union Dortmund und Jugendantifa Dortmund