Interview mit Dortmund-Quer zum 1. Mai

Nazis am 1. Mai 2014 stoppen – BlockaDO – Dortmund stellt sich querInterview mit DortmundQuer zum 1. Mai.

Für den 1. Mai ist in Dortmund ein Naziaufmarsch angekündigt. Ein von der Polizei erlassenes Verbot wurde inzwischen gerichtlich gekippt. Wie bewerten Sie die Lage?
Leider haben sich die Erwartungen von Antifaschisten erneut bestätigt: Das Verwaltungsgericht in Gelsenkirchen hat am Donnerstag das Verbot aufgehoben. Wir rechnen auch nicht damit, daß sich die Situation noch mal ändert. In Dortmund wiederholen sich die Ereignisse vom 1. Mai vergangenen Jahres, als Neonazis durch die Stadt marschierten. Das Hin und Her zeigt ein weiteres Mal, daß man im Kampf gegen Rechts nicht auf den bürgerlichen Staat setzen kann: Wir müssen selbst aktiv werden.

Es gibt in Ihrer Stadt das neue antifaschistische Bündnis »BlockaDo«. Was ist am 1. Mai geplant?
BlockaDO ist eine Art Dach, unter dem sich antifaschistische Bündnisse wie »Dortmund stellt sich quer« und »Dortmund nazifrei«, Mitglieder der Linkspartei, der SPD und der Grünen sowie autonomer Antifagruppen zusammengeschlossen haben. Wir haben uns darauf verständigt, durch friedliche Sitzblockaden den Nazimarsch zu stoppen.

Wie können Menschen, die sich an Ihren Aktionen beteiligen wollen, erfahren, wo sie am 1. Mai hinkommen sollen?
Am Hauptbahnhof findet ab 9 Uhr eine Kundgebung statt, dort wird es auch Aktionskarten und weitere Infos geben. Auf jeden Fall sollte man sich am Vortag auf der Webseite blockado.info über den letzten Stand informieren.

Im vorigen Jahr gab es auch schon am Abend vor dem 1. Mai Naziaktivitäten. Wie ist es dieses Jahr? Haben Sie Proteste geplant?
Gleich doppelt. Nach fast zwölf Monaten endet am 30. April in Dortmund das Verfahren gegen neun Neonazis der »Skinheadfront Dorstfeld«. Sie sind wegen eines bewaffneten Überfalls auf die Kneipe »HirschQ« angeklagt. Das ist eine Bar in der Innenstadt, in der sich auch Linke und Antifaschisten treffen. Wie das Urteil ausfällt, wird sich zeigen. Vor Gericht steht auch Sven Kahlin, der einen Punk erstochen hatte und deswegen verurteilt worden war. Wir rufen auf, zum letzten Prozeßtag zum Landgericht Dortmund zu kommen. Am Nachmittag des 30. April findet ab 17 Uhr eine Demonstration vom Kaiserplatz zur »HirschQ« statt. Von dort wollen wir zu einem »Fackelaufmarsch« der Nazis ziehen.

Die Neonazis in Dortmund besetzen seit mehreren Jahren linke Feier- bzw. Gedenktage für ihre Propaganda, darunter den 1. Mai und auch den Antikriegstag Anfang September. Was ist Ihre Einschätzung dazu?
Diese Termine haben sie aus zweierlei Gründen gewählt. Zum einen hoffen sie, daß sie an diesen Tagen ungestörter sind, weil Antifaschisten und Linke eigene Kundgebungen und Aktivitäten veranstalten.

Zum anderen versuchen die Nazis in Dortmund penetrant, linke Themen zu besetzen. Sie versuchen, die soziale Frage bzw. Klassenkämpfe sowie das Thema Krieg und Frieden für ihre Zwecke auszuschlachten. Heraus kommt dabei eine krude Mischung aus pseudo-linker Phrasendrescherei und faschistischer Ideologie.

Wie ernst es ihnen beispielsweise mit der Vertretung von Arbeitnehmerinteressen ist, haben sie vor fünf Jahren gezeigt: Am 1. Mai griffen bis zu 400 Neonazis in Dortmund eine Demonstration des DGB an.

Warum immer wieder in Dortmund? Die Stadt gilt inzwischen als braune Hochburg.
Ganz bewußt sind rechte Kader in den vergangenen Jahre hierher gezogen. Während unser Bündnis und andere Antifaschisten darauf hinwiesen, was hier passiert, wurde diese Gefahr von den politisch Verantwortlichen verharmlost oder sogar ignoriert.

Zudem ist bekannt, daß Dortmund eine Armutshochburg in Deutschland ist. In der Nordstadt gibt es eine ähnlich hohe Arbeitslosigkeit wie in Griechenland. Die Nazis behaupten, Flüchtlinge und Migranten aus Südosteuropa seien daran schuld. Dabei blenden sie aus, welche Rolle gerade deutsche Unternehmen bei der massiven Arbeitsplatzvernichtung im Ruhrgebiet in den vergangenen Jahrzehnten gespielt haben. Sie tun den Herrschenden damit einen großen Gefallen, wenn sie so von den wahren Ursachen ablenken. Für uns sind diese aber im kapitalistischen System selbst zu finden.

Das Interview erschien am 26.4.2014 in der Tageszeitung junge Welt





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