Dortmund Quergestellt! Naziaufmarsch am 3.9.2011 in Dortmund blockierenLesben und Schwule blockieren den Dortmunder Nazi-Aufmarsch am 3.9.2011

Für den 3. September 2011 planen Neonazis einen Aufmarsch in Dortmund. Eine Verbotsverfügung gibt es nicht. Der geplante Aufmarsch lässt sich nur verhindern, indem möglichst viele Menschen ihn blockieren. Wir sind dabei. Denn nie wieder darf den Nazis auch nur ein Meter Straße überlassen werden.

Bis 1933 gab es auch in Dortmund eine lebendige Schwulen- und Lesbenszene. In der Weimarer Republik wuchs das Selbstbewusstsein lesbischer Frauen und schwuler Männer heran. Aller staatlichen Verfolgung zum Trotz wurden sie so sichtbar wie nie zuvor, organisierten sich in Vereinen, gründeten Verlage und bauten eine lebendige Subkultur auf. Es gab damals Chancen und Hoffnungen auf eine Gesellschaft, in der die freie Entfaltung jedes Menschen möglich ist.

Mit ihren Aufmärschen und Gewaltakten verbreitete die SA als paramilitärischer Flügel der NSDAP bereits in der Weimarer Republik auch in Dortmund Angst, Schrecken und Terror. Sozialdemokrat_innen,Jüdinnen und Juden, Kommunist_innen, Gewerkschafter_innen, Lesben und Schwule sollten eingeschüchtert und verängstigt werden. Damals wie heute gehört der „Kampf um die Straße“ zu den wichtigsten Bestandteilen faschistischer Ideologie und Politik.

Wir alle wissen, was ab 1933 geschah. Auch für Schwule und Lesben war nichts mehr wie vorher: Vereinigungen wurden verboten, Zeitschriften und Bücher verboten und verbrannt, die Subkultur zerschlagen, der §175 Strafgesetzbuch und die polizeiliche Verfolgung verschärft. Ab 1937 organisierte das „Referat zur Bekämpfung der Homosexuellen“ bei der Dortmunder Gestapo die Verfolgung. Über 50 nach §175 StGB verurteilte Männer aus Dortmund sind namentlich bekannt. Da lesbische Frauen aus Sicht der Nazis „als Zeugungsfaktoren nicht für immer verloren“ seien und Frauen eine „weniger maßgebende Stellung in staatlichen und öffentlichen Ämtern“ hätten, wurden sie subtiler verfolgt, etwa als ‚asozial‘ oder als Jüdinnen, Kommunistinnen, Frauenrechtlerinnen.

Wie viele Schwule und Lesben von den Nazis in den Selbstmord getrieben, in „Schutzhaft“ genommen, in Konzentrationslager verfrachtet und ermordet wurden, ist immer noch nicht abschließend erforscht.

Mit der Befreiung vom Faschismus 1945 hatten auch viele Lesben und Schwule die Hoffnung verbunden, nun ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Doch die Nazi-Fassung des §175 blieb in Kraft. Zahlreiche Männer aus Dortmund, die die NS-Zeit überlebt hatten, wurden nach 1945 wiederum wegen Vergehen nach § 175 verurteilt. Oft standen sie sogar denselben Richtern und Staatsanwälten gegenüber wie in der NS-Zeit.

So wurde der Dortmunder Dekorateur Martin P. in der Nazizeit bereits drei Mal nach § 175 StGB verurteilt. Im Mai 1952 wurde er von Richter Meyer am Landgericht Dortmund dann erneut verurteilt. Richter Meyer sah es in der Begründung des nach wie vor gültigen Urteils als besonders verwerflich an, dass Martin P. sich „offenbar nicht beherrschen kann und auch nicht beherrschen will, wie sich aus seinem grundsätzlichen Standpunkt zur Homosexualität ergibt“.

Wir können und wollen uns auch nicht beherrschen bei der Vorstellung, dass Nazis am 3. September 2011 durch Dortmund marschieren werden – und das ergibt sich auch aus unserem grundsätzlichen Standpunkt zur Homosexualität.

Unsere in den letzten Jahrzehnten erkämpften Freiräume lassen wir uns nicht nehmen, wir lassen uns nicht einschüchtern – und wir nehmen es nicht hin, dass genau jene Institutionen, die Lesben und Schwule über Jahrzehnte hinweg als „anormal“ verfolgt haben, einen Naziaufmarsch nun als „normal“ darstellen.

Deshalb werden wir uns an den Blockaden des Naziaufmarsch am 3. September 2011 beteiligen und setzen darauf, dass viele andere Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Intersexuelle und Transgender das ebenfalls tun.

Aufruf als PDF | Facebook-Gruppe |

UnterzeichnerInnen (Stand 23.08.2011):
Florian Althoff (Erzieher, Köln) // Swen Bäther
(Disponent,Korschenbroich) // Maria Braig (Osnabrück) // Tim Bühner (Student, Bochum) // Peter Bürger (katholischer Diplom-Theologe und Publizist, Düsseldorf) // Robin Cramer (Student, Düsseldorf) // Sabine Dael (Köln) // Jochen Fischer (Mitglied der Bezirksvertretung Innenstadt-West, Dortmund) // Chantal Fletcher (Köln) // Georg Alexander Fotiadis (Lehrer, Lüdenscheid) // Friedrich Fuß (Bezirksbürgermeister Innenstadt-West, Dortmund) //Dagmar Ganswindt (Nottuln) // Markus Hemken
(Köln) // Susanne Hildebrandt (Mitarbeiterin der Koordinierungsstelle für Lesben, Schwule und Transidente im Büro des Oberbürgermeisters,
Dortmund) // Marcel Käming (Lüdenscheid) // Florian Kaiser (Journalist,
Düsseldorf) // Thomas Koch (Arbeiter, Vertrauensmann der IG Metall,
Jüchen) // Ira Kormannshaus (Übersetzerin, Berlin) // Künstlergruppe HeillandART (Köln) // Frank Laubenburg (Mitglied des Rates der Landeshauptstadt Düsseldorf) // Elaine Lauwaert (Witten) // Thorsten Löser (Köln) // Thomas Molck (Hochschuldozent, Düsseldorf) // Alexander Perschbacher (Student, Herne) // Jasper Prigge (Student, Bundesschatzmeister Linksjugend solid, Düsseldorf) // Sacha B. Pullem
(Leverkusen) // Andreas Rau (Leiter der AIDS-Hilfe Hagen e.V., Kamen) // Wolfgang Richter (Köln) // Raoul Roßbach (Student, Sprecher der Grünen Jugend Ruhrgebiet, Herne) // Martina Scholz (Pädagogin, Osnabrück) // Andreas Seier (Sprecher der LAG queer der LINKEN. NRW, Bochum) // Maria Venoff (Köln) // Anja Vorspel (Düsseldorf) // Robert Wendt (Student, Sprecher der Grünen Jugend Rhein-Sieg) // Koray Yilmaz-Günay (Referent der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin)
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Wer den Aufruf unterzeichnen möchte schickt bitte eine e-Mail an frank.laubenburg@duesseldorf.de